Neue Sichtweisen über den Ursprung der Freimaurerei

Votrag in der Loge Europa. Oktober 2013.

 

Würdige Brüder,

Ein Aspekt, der für jede Freimaurerloge sicherlich von großer Bedeutung ist, ist die Beschäftigung mit den Wurzeln. Den Wurzeln und der Geschichte unseres Bundes. Aus Ihnen lassen sich nicht zuletzt die im Ritual überlieferten Inhalte besser interpretieren und verstehen.

Meine heutige Zeichnung verändert so fundamental das freimaurerische Geschichtsbild und damit im Zweifel auch den Blick auf unseren Bund, daß ich sie in weiten Teilen nicht selbst formuliert habe, sondern einen Vortrag unseres Bruders Prof. Dr. Jan Snoek zitiere. Br. Jan ist eine hoch angesehener Forscher innerhalb der beiden freimaurerischen Forschungsvereinigungen Quatuor Coronati und Frederik. Sein Vortrag unter dem Titel „Neue Sichtweise über den Ursprung der Freimaurerei“ stammt vom 06. Januar 2013.

 

 

Neue Sichtweisen auf den Neue Sichtweise über den Ursprung der Freimaurerei ©

Vortrag vor der Johannisloge „Friedrich Wilhelm zum eisernen Kreuz“ zum Neujahrsemfang im Collegium Leoninum
am Sonntag, 06. Januar 2013 in Bonn von Prof. Dr. Jan A.M. Snoek

(der komplette Vortrag ist u.a. hier abrufbar)

 

 

Vorbemerkung:

Es ist bekanntlich viel über Herkunft, Quellen oder Ursprung der Freimaurerei spekuliert worden. Dutzende von Theorien wurden im Laufe der Zeit hauptsächlich durch Freimaurer selbst, darüber formuliert.

Es ist mir nun eine Freude, daß ich Ihnen heute neue Ergebnisse vorstellen kann. Ich beziehe mich dabei auf das vorliegende, historisch nachweisbare Material. In der gebotenen Kürze möchte ich Ihnen einen Ausschnitt der bisherigen Thesen und Schlussfolgerungen vorstellen.

 

Die bis 1986 für richtig gehaltene Theorie

In den 80-er Jahren des 19. Jahrhunderts formulierten Robert Freke Gould und seine Freunde ihre Theorie, wonach die Freimaurerei zuerst von einfachen, so genannten „operativen“ Baufach-Arbeitern betrieben wurde, die sich in ihren Bauhütten trafen. Diese Bauhütten nannten sie „Logen“. Am Anfang des 18. Jh. wurden neben den Baufachleuten immer mehr Gentlemen in diese Logen aufgenommen. Diese neuen Mitglieder brachten über das Handwerkliche hinaus das so genannte „spekulative“ Element ein. Und so entstand, aus der operativen, nach einer Übergangsperiode, die moderne spekulative Freimaurerei.

Die Freimaurer haben diese einfache Theorie sich selbst und der Welt so oft erzählt und waren schließlich so sehr davon überzeugt, dass sie nach etwa 100 Jahren als Fakt betrachtet wurde. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam aber die Wissenschaft, die sich mit dem 18. Jh. beschäftigt, zu der Schlussfolgerung, dass die Freimaurerei damals unter den Kulturträgern so sehr verbreitet war, dass man die Geschichte dieser Zeit gar nicht verstehen konnte, ohne auch die Freimaurerei zu erforschen. Mit anderen Worten: Historiker kamen nicht ohne die Erforschung der Einflüsse der Freimaurerei aus. So entstand die akademische Erforschung der Freimaurerei.

Diese fragte sich aber, ob die gängige Theorie über die Entstehung der Freimaurerei, nach heutigen wissenschaftlichen Kriterien, haltbar sei. Und die Antwort war ein klares: Nein.

Am Einflussreichsten wurde dies wohl in einem Buch von John Hamill aus dem Jahre 1986 beschrieben. Er formulierte zwar noch keine neue Theorie, legte aber die „Gould-These“ zu den anderen dutzenden von Mythen über die Entstehung der Freimaurerei ab. Es gab also ein neues Interesse, neue Quellen zu entdecken oder auch bekannte aber vergessene Quellen neu zu interpretieren.

Schon 1988, also nur zwei Jahren später, publizierte der Historiker David Stevenson ein Buch, worin zwei historische Dokumente aus den Jahren 1598 und 1599 zentral behandelt werden. Diese Dokumente wurden schon 1873 von David Murray Lyon publiziert und 1914 von Georg E.W. Begemann sogar auf Deutsch übersetzt.

Stevensons Publikation machte aber klar, dass aus diesen Dokumenten, den so genannten „Schaw-Statutes”, hervorgeht, dass es am Ende des 16. Jh. in Schottland schon mindestens drei Logen gegeben hat, die wir aus heutiger Perspektive als freimaurerisch erkennen können. Die Entstehung der Freimaurerei muss also davor datiert werden, und nicht erst am Anfang des 18. Jahrhunderts!

Die Publikationen von Pieter Hendrik Pott über den Abt Suger, dem „Erfinder“ der Gotik, datieren schon aus 1975 und 1981. Pott stand im Mittelpunkt der sich ab den 70-er Jahren entwickelnden akademischen Erforschung der Freimaurerei. Er war es, der deutlich machte, wie fundamental die Publikationen von Abt Suger waren.

Suger hat nämlich präzise erklärt, aus welchen Gründen er ab 1137 die Kirche seiner Abtei so bauen will wie er es tut. Seine Konzeptionen sind später für die Entwicklung des Gedankenguts der Freimaurerei maßgebend geworden. Ohne die Publikationen von Suger ist die Entstehung der Freimaurerei einfach undenkbar.

Damit liegen die vorläufigen Zeitpunkte, zwischen denen die Freimaurerei entstanden sein muss, fest: Irgendwann zwischen 1137 und 1598 muss es passiert sein; wahrscheinlich eher in einem fließenden Prozess als in einem datierbaren Stiftungsakt. Heute möchte ich diese zwei Elemente der modernen wissenschaftlichen Theorie zur Entstehungsgeschichte der Freimaurerei kurz präsentieren.

 

1137 – Die erste gotische Kathedrale in St. Denis (Postquam)

1122 wird Suger Abt des Klosters von St. Dénis in der Nähe von Paris. Der Philosoph Pierre Abélard war ein Freund von Suger. Abélard entdeckt, dass die Reliquien und Schriften, die im Kloster aufbewahrt werden, nicht von Dionysius dem Areopagiten, sondern von Dionysius von Korinth, den Pseudo-Areopagiten genannt, stammen.

Suger liest jetzt diese christlich-neuplatonischen Schriften und findet darin die Bestätigung seiner eigenen Überzeugungen, nämlich: Alle Materie ist materialisiertes Göttliches. Alles Göttliche ist Licht und alles Materielle ist materialisiertes Licht. Alles hat also Anteil am Göttlichen, das sich wiederum als Schönheit zeigt. Durch die Kontemplation schöner materieller Dinge steigt der Mensch auf zur Quelle dieser Schönheit: Gott.

Da Suger es als seine Aufgabe als Kleriker sah, die Menschen hin zu Gott zu führen, braucht er dazu also eine Kirche, die hell ist und durch ihre Schönheit die Menschen zu Gott führen kann. 1137 fängt er mit dem Bau dieser Kirche, der ersten gotischen Kathedrale überhaupt, an.

Um von vorn herein nicht den Widerspruch von Bernard von Clairvaux zu erregen, beschreibt er im Detail, was er tut und warum. So haben wir in den Schriften von Suger ein einmaliges Zeugnis seiner Gedanken. Hierin kommt immer wieder zum Ausdruck, dass der Bau für Suger keine nur materielle, praktische Sache ist, sondern Erfüllung seines Auftrages, die Menschen zu Gott zu führen. Der Bau ist für ihn auch keine nur symbolische Sache. Das Gebäude selbst ist materialisiertes Licht, Stoff gewordener Gott, und muss darum wohl schön sein.

Suger ist also derjenige der, unter Einfluss von Dionysius von Korinth, neben den biblischen Attributen Gottes: Weisheit und Stärke, als drittes die Schönheit hinzufügt. Er ist es weiterhin auch, der als erster Bausymbolik und Lichtsymbolik miteinander verbindet. Weil diese zwei Dinge (der Trias Weisheit – Stärke – Schönheit und die Verbindung von Bausymbolik und Lichtsymbolik) von zentraler Bedeutung für die Freimaurerei sind, ist es undenkbar, dass sie entstehen konnte, bevor Suger diese Gedanken entwickelt hatte.

 

1598 – Die Shaw-Statuten in Schottland (Antequam)

In Schottland gab es bereits am Ende des 16. Jh. neben der „Incorporation“ (Zunft) die Loge. Die „Incorporation“ vereinigte alle Baufacharbeiter. Aber die Superelite der Bildhauer und Baumeister hatte auch noch ihre Logen. Wer in ihrem Fach ausgebildet werden wollte und einen Lehrmeister gefunden hatte, ließ sich zuerst in der Loge als ‚booked‘ Apprentice (registrierter Lehrling) registrieren.

Nach sieben Jahren Ausbildung wurde er, wiederum in der Loge, befördert zum ‚entered‘ Apprentice (angenommener Lehrling). Am Ende seiner Ausbildung folgte die Meisterprüfung in der Incorporation. Bestand er diese, dann wurde der neue ‚Master Mason’ (Meister Steinmetz) durch seine neuen Kollegen in die Loge begleitet und da, noch am gleichen Tag und mittels eines Rituals, „‚made‘ Brother and Fellow in the Craft“ (zu Bruder und Teilgenosse im Fach gemacht). Er war jetzt also „Master Mason and Fellow of the Craft“ (Meister Steinmetz und Teilgenosse im Fach). Jede Loge wurde von einem Warden und zwei Deacons geleitet.

1583 ernannte König James VI. von Schottland (= James I. von England) William Schaw als „the King‘s Master of Works and General Warden of the Craft“. Er muss am Winter-Johanni 1598 die Logen von Schottland zusammengerufen haben, um mit ihnen seinen Vorschlag für neue Statuten zu besprechen. Am nächsten Tag wird ein Schreiber eine Rein-Kopie angefertigt haben, worin die am vorigen Tag gemachten Korrekturen schon eingearbeitet waren. Noch am selben Tag, dem 28.12.1598, unterschrieb Schaw diese neuen Statuten für die schottischen Logen. Genau ein Jahr später unterschrieb er die sogenannten zweiten Schaw Statutes, die eine Ergänzung der ersten sind.

Aus diesen Statuten lernen wir beispielsweise:

- Wer zum „Fellow of the Craft“ gemacht wird, zahlt für das Diner (₤10) und bietet den Meistern Handschuhe an.

- Wer „Entered Apprentice“ wird, zahlt nur das Diner (₤6).

- Schon deutlich vor 1598 gab es in Schottland solche Logen, wovon die Statuten drei namentlich nennen: Edinburgh St. Mary’s Chapel, Kilwinning und Sterling.

- Die Logen sind Organisationen; ihre Mitglieder sind „Masons“ (Steinmetzen) und einige Gentlemen.

Zusammenfassend ist es also klar, dass die Freimaurerei erst entstanden sein kann, nachdem Suger 1137 den Bau der ersten gotischen Kathedrale angefangen hatte. Aber vor dem Jahre 1598 hat es in Schottland schon mindestens drei Logen gegeben, in die Mitglieder rituell aufgenommen wurden!

Die Freimaurerei muss also dazwischen entstanden sein.