"EUROPE OF PEOPLES AND NATIONS:

SOLIDARITY AND COMMON PROJECTS"

Masters Speech auf dem 8. Internationalen Symposium der Europa-Logen.

Florenz 08.-10. Mai 2015.

 

Liebe, Würdige Brüder,

bevor ich auf das Thema der Tagung eingehe, möchte ich zunächst meine große Freude darüber ausdrücken, daß ich hier als Meister vom Stuhl einer Loge sprechen kann, die ganz bewußt den Namen „Europa“ trägt und in diesem Jahr zum ersten Mal zu diesem ehrwürdigen Kreis der Europa-Logen dazu stößt.

Ich freue mich umso mehr, weil wir die erste Deutsche Freimaurerloge sind, die diesen zutiefst freimaurerischen Namen trägt. Vielleicht machen wir ja die Grundidee des Internationale Symposiums der Europa-Logen damit ein Stück vollständiger. Ich komme am Ende meines Textes noch einmal auf die Geschichte meiner Loge und die Besonderheiten der Freimaurerei in Deutschland zu sprechen.

Das Thema der Tagung ist hoch aktuell: Solidarität in Europa – zwischen Völkern und Nationen.

Obwohl die konkrete Idee eines politisch geeinten Europa, genauer Pan-Europa, mittlerweile ja rund 100 Jahre alt ist, wird diese Frage immer noch an vielen Stellen und auf unterschiedlichen politischen Feldern teilweise heftig und kontrovers diskutiert. Sie ist nicht gelöst.

Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker.“, soll der Freimaurer Che Guevara formuliert haben.

Wie zärtlich sind wir also in Europa?

  • Gibt es Grenzen der Zärtlichkeit, der Solidarität, zwischen den Mitglieder der EURO-Zone und vielleicht speziell zwischen Deutschland und dem schwer verschuldeten Griechenland?
  • Wie definieren wir in Europa Solidarität im Falle der vielen Flüchtlinge, die, wenn sie der Krieg, der Hunger, oder das Mittelmeer nicht getötet hat, in Italien ankommen?
  • Wie stark können sich die Baltischen Staaten auf die Solidarität Europas verlassen, die in ständiger Sorge vor dem großen Nachbarn Russland sind?
  • Wie definieren wir eigentlich Solidarität mit zentraleuropäischen Staaten, die nicht Mitglied der Europäischen Union sind? Was bedeutet Solidarität in Europa eigentlich im Falle der Ukraine?

Freimaurer halten aus gutem Grund und seit Jahrhunderten nicht nur religiöse sondern auch solcherart tagespolitische Fragestellungen aus ihren Versammlungen heraus. Und so werde auch ich an dieser Stelle nicht weiter auf diese aktuellen Fragestellungen an die Solidarität in Europa eingehen.
Doch obwohl sich Freimaurer in ihren Logen nicht über Tagespolitik streiten, so ist die Freimaurerei doch politisch. Viele Brüder waren und sind sogar in besonderem Maße politisch
aktiv – auf Basis ihrer freimaurerischen Werte.

Und nicht zuletzt geht die politische Idee, die politische Konzeption des vereinten Europa maßgeblich auch auf Freimaurer zurück. Ich möchte daher die Frage nach der Solidarität in Europa beantworten, indem ich mir mit Euch ausgehend von heute die Antworten der Brüder suche, die vor rund 70 vor 100 Jahren Einigung Europas gedacht und konzipiert haben. In dunklen Zeiten.

Im Jahr 2000 hat der Europäische Rat in Nizza die Europäische Grundrechtecharta angenommen, die vom ersten Europäischen Konvent unter Leitung von Roman Herzog erarbeitet wurde. Die Grundrechtecharta versammelt zum ersten Mal in der Geschichte der Europäischen Union sämtliche bürgerlichen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rechte der
Unionsbürger und aller in der Europäischen Union lebenden Personen in einem einzigen Text. Sie ist für uns gültig.

Nach dem Wortlaut der Präambel „gründet sich die Union auf die unteilbaren und universellen Werte der Würde des Menschen, der Freiheit, der Gleichheit und der Solidarität. Sie beruht auf den Grundsätzen der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit. Sie stellt die Person in den Mittelpunkt ihres Handelns, indem sie die Unionsbürgerschaft und einen Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts begründet“.


Diese Rechte sind dort in sechs große Kapitel aufgeteilt:

1. Würde des Menschen, 2. Freiheiten, 3. Gleichheit, 4. Solidarität, 5. Bürgerrechte, 6. justizielle Rechte.

Freiheit – Gleichheit – Solidarität. Nicht Brüderlichkeit.

Die Überschriften der Europäischen Grundrechte – sie benutzen und definieren die Solidarität. Und ganz bewußt nicht die Brüderlichkeit. Woher kommt das? 

Am 03. September 1921 reicht Richard Graf Coudenhove-Kalergi sein Aufnahme-Gesuch an die Loge „Humanitas“ in Wien ein, eine der ältesten Freimaurerlogen Österreichs. Coudenhove-Kalergi ist zu diesem Zeitpunkt 26 Jahre alt.

Richard Graf Coudenhove-Kalerfi

In seinem Gesuch schreibt er: „Ich bekenne mich zur europäischen, und, im engeren Sinne, zur deutschen Kulturgemeinschaft: aber nicht im Sinne irgend eines Nationalismus (...) Aus all diesen Gründen kann ich mich nur als Kosmopolit empfinden, mit der weitest gehenden Toleranz für Fremde und Fremdes, ohne die geringsten nationalen und sozialen Vorurteile. Mein Bekanntenkreis erstreckt sich auf alle sozialen Sphären und Berufe. – Ich würde gerne einem Bunde beitreten, der so international und kosmopolitisch ist wie ich selbst und in dessen Tendenz die Ideen der Völkerversöhnung und Völkerverbrüderung liegen.“ 

1923 veröffentlichte Coudenhove-Kalergi das Paneuropäische Manifest. Er wird zum Begründer der Pan-Europa Bewegung und ersten Visionär eines politisch, wirtschaftlich und militärisch vereinten Europas. Das Signum der Pan-Europa Bewegung wird das Sonnenkreuz: ein rotes Kreuz auf einem goldenen Kreis. Coudenhove schreibt dazu: „Im Zeichen des Sonnenkreuzes, das die Sonne der Aufklärung verbindet mit dem Roten Kreuz der internationalen Menschlichkeit - wird der paneuropäische Gedanken siegen über alle Beschränkungen und Unmenschlichkeiten chauvinistischer Zerstörungspolitik. In diesem Zeichen wird das neue Europa wachsen, zu dem sich heute schon die besten Europäer bekennen.“

Flagge der Paneuropa Union

1930 in immer kritischer werdenden Zeiten publiziert Coudenhove-Kalergi den sogenannten Paneuropäischer Pakt, eine Weiterentwicklung und Konkretisierung des Paneuropäschen
Manifests, der im Grunde in Form und Inhalt einem Europäischen Verfassungsentwurf gleich kommt. In seiner Präambel schreibt Coudenhove-Kalergi:

Die Grundsätze von denen dieser Entwurf ausgeht, sind folgende:

  • die volle Souveränität der europäischen Staaten unberührt zu lassen;
  • ...
  • einen Krieg zwischen europäischen Staaten praktisch auszuschließen;
  • einen Angriff auf europäische Staaten aussichtslos zu machen;
  • die europäische Abrüstung zu ermöglichen;
  • ...
  • ein europäisches Solidaritätsgefühl zu wecken;
  • ...
  • die Beziehungen zwischen den europäischen Staaten auf Recht zu gründen statt auf Gewalt;
  • ...
  • die Gleichberechtigung aller europäischen Völker zu sichern.“

Schon in den ersten grundlegenden Schriften, den ersten konkreten Bemühungen um Pan-Europa ist damit neben dem Frieden vor allem die Menschlichkeit und die Solidarität ein zentrales Thema. Und der Weg zu Frieden, zu wirtschaftlicher Prosperität und Solidarität verläuft über die Gründung der Beziehungen auf das Recht.


Einer von Europas angesehensten Staatsmännern, der französische Außenminister Aristide Briand, wurde 1927 Ehrenpräsident der Pan-Europa Bewegung. Auf Drängen Coudenhove-Kalergis schlägt Briand am 5. September 1929 in einer Rede vor dem Völkerbund in Genf die Schaffung einer Föderation der europäischen Nationen vor. Auch Aristide Briand war Freimaurer. Er wurde in der Loge Le Trait d'Union de Saint Nazaire initiiert. In Paris wechselte er zur Loge „Le Chavalier du Travail“.

Ebenfalls schon im Jahr 1930 stellt Aristide Briand daraufhin eine „Denkschrift über die Einrichtung einer Europäischen Union“ zur Diskussion. Dies war der erste Vorstoß überhaupt auf politischer Ebene durch einen amtierenden Politiker, eine Europäische Einigung zu erzielen.

Briand hatte die Aufgabe übernommen: „eine Art Bundesverhältnisses unter den Völkern Europas zu prüfen, das sie in dauernder Solidarität zusammenschlösse und ihnen gestatten
würde, wann immer es nötig wäre, zum Studium, zur Erörterung und zur Regelung der sie gemeinsam interessierenden Fragen miteinander in unmittelbare Verbindung zu treten.“

Dauernde Solidarität?

1938 mußte Coudenhove-Kalergi vor dem Nationalsozialistischen Regime aus Österreich fliehen zunächst in die Schweiz und 1940 in die USA. Seine große Hoffnung am politischen Horizont dieser Zeit war das England Winston Churchills. Winston Churchill war 1901 in die Londoner Freimaurerloge „United Studholme Lodge No. 1591“ aufgenommen wund 1902 in der „Rosemary Lodge No. 2851“ zum Meister erhoben.


Eine der wichtigsten Reden zur Einigung Europas stammt denn auch von Winston Spencer Churchill, gehalten kurz nach dem Weltkrieg am 19.09.1946 in Zürich:

„... welches ist der Zustand, in den Europa gebracht worden ist? Zwar haben sich einige der kleineren Staaten gut erholt, aber in weiten Gebieten starren ungeheure Massen zitternder
menschlicher Wesen gequält, hungrig, abgehärmt und verzweifelt auf die Ruinen ihrer Städte und Behausungen und suchen den düsteren Horizont angestrengt nach dem Auftauchen einer neuen Gefahr, einer neuen Tyrannei oder eines neuen Schreckens ab.

Doch es gibt ein Heilmittel, das, allenthalben und aus freien Stücken angewandt, wie durch ein Wunder die ganze Szene verwandeln und innerhalb weniger Jahre ganz Europa, oder
wenigsten dessen größten Teil, ebenso frei und glücklich machen könnte, wie es die Schweiz heute ist. Worin besteht dieses Allheilmittel? Darin, daß man die europäische Familie, oder doch einen möglichst großen Teil davon, wieder aufrichtet und ihr eine Ordnung gibt, unter der sie in Frieden, Sicherheit und Freiheit leben kann. Wir müssen eine Art Vereinigte Staaten von Europa schaffen.

Meine Brüder, ich kann mir schwerlich mehr Solidarität und auch Brüderlichkeit vorstellen, als in diesen Sätzen von Br. Winston Churchill ausgedrückt wird. Nach der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts einander die Hand zu reichen und von einer „europäischen Familie“ zu sprechen –ich wünschte uns heute dasselbe Grundvertrauen in Europa und die Menschen, die auf diesem Kontinent leben.


Die Freimaurerei in Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lag am Boden.

Schon kurz nach der Wahl Hitlers zum Reichskanzler wurden die Logen in Deutschland geschlossen, die Logenhäuser unter Druck verkauft oder enteignet, die Brüder verfolgt. 

Und das obwohl die deutschen Großlogen in ihrer überwiegenden Mehrheit stark völkisch, konservativ ausgerichtet waren und der nationalsozialistischen Bewegung eher den Boden
bereitet hatten als dagegen zu opponieren. Hinzu kam die geschichtliche Diversität der deutschen Freimaurerei. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es neun reguläre und zusätzlich zwei irreguläre Großlogen auf Deutschem Boden, die jeweils gewachsen waren vor dem Hintergrund der geschichtlichen Entwicklung Deutschlands, das sich ja erst 1871 zu einem gesamtdeutschen Reich konstituierte. Jedes Land, jedes Fürstentum hatte bis dahin möglicherweise eine eigene Großlogentradition entwickelt.

Nach dem großen Krieg trafen nun alle diese deutschen Freimaurertraditionen unorganisiert aufeinander.

Es trafen unter den Nationalsozialisten verfolgte und diffamierte Brüder auf Brüder, die Mitläufer waren oder zu den Tätern gehörten.

Es trafen Brüder, die einer regulären Freimaurerei angehörten auf Brüder, die vor dem Kriege irregulären Großlogen oder Logenvereinigungen angehört hatten.

Im Kleinen ist auch in der deutschen Freimaurerei damals die Idee einer „Familie“ – eben einer freimaurerischen Familie entstanden. Einer Einigung.
Und so entstand die heute in Deutschland alle Traditionen vereinende und weltweit anerkannte Großloge der „Vereinigte Großlogen von Deutschland“. Zu diesem freimaurerischen Haus
gehören heute in Deutschland 5 Mitgliedsgroßlogen und in den deutschen Logen können die Brüder auf knapp 20 unterschiedliche Rituale treffen.

Eines der im internationalen Vergleich wichtigsten freimaurerischen Rituale, wurde in Deutschland bisher allerdings niemals bearbeitet: die symbolischen Grade (Lehrling, Geselle, Meister) des Alten Angenommenen Schottischen Ritus. Die Loge Europa, Nr. 1051, bearbeitet als erste deutsche Loge überhaupt diese Rituale und vervollständigt die deutsche Logenlandschaft. Sie schlägt bewußt die Brücke zum Internationalismus, zur Vielfalt, zur Verständigung – zu Europa.

Der Wahlspruch der VGLvD lautet: „E pluribus Unum“ – frei übersetzt mit „Einheit in der Vielfalt“.

Solidarität, so zeigt auch das Beispiel der deutschen freimaurerischen Geschichte, gelingt durch das Setzen eines Rahmens. Durch Beschränkung. Durch Regeln.

Das ist aber dann wohl auch der Unterschied zur Brüderlichkeit. Sie braucht dies nicht. 

 

 

 

 

 

Anhang: Deutsche Großlogen vor dem Kriege

1. Große National-Mutterloge "Zu den drei Weltkugeln", Berlin (3WK) ca. 21.300 Mitglieder, 23 Innere Oriente, 95 Schottenlogen, 182 Johannislogen, 61 Kränzchen (P.: 24.06.1740, N.: Nationaler Christlicher Orden "Friedrich der Große " am 27.04.1933, + 15.07.1935)

2. Großloge "zur Sonne", Bayreuth (GLzS) ca 3.800 Mitglieder, 41 Logen, 20 Kränzchen (l.:12.01.1741,+ 18.04.1933)

3. Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland, Berlin (GLLvD) ca 20.370 Mitglieder, 4 Provinzial-Großlogen, 19 Kapitel, 54 Andreaslogen, 180 Johannislogen, 59 Kränzchen (G.: 24.06.1770, N.: Deutsch-Christlicher Orden am 30.01.1933, + 15.07.1935)

4. Große Mutterloge des Eklektischen Freimaurerbundes, Frankfurt/M (GMLEB) ca 3.000 Mitglieder, 26 Logen, 5 Kränzchen (I.: 1.03.1788, + 20.03.1933)

5. Große Loge von Preußen, genannt "Zur Freundschaft", Berlin (GLvP) ca. 10.970 Mitglieder, 1 Provincial-Großloge, 23 Innere Oriente, 107 Johannislogen, 17 Kränzchen (L: 11.06.1798, N.: Deutsch-Christliche Orden "Zur Freundschaft", + 16.07.1935)

6. Große Loge von Hamburg, Hamburg (GLvH) Ca. 5.000 Mitglieder, 54 Logen, 9 Kränzchen (I.: 4.02.1811, r.: 30.07.1935)

7. Große Landesloge von Sachsen, Dresden (GLvS) ca. 6.920 Mitglieder, 45 Logen, 37 Kränzchen (I.: 28.09.1811, N.: Deutsch-Christlicher Orden von Sachsen 27.04.1933, + 15.07.1935)

8. Große Freimaurerloge "Zur Eintracht", Darmstadt (GLzE) 890 Mitglieder, 10 Logen, 2 Kränzchen (I.: 22.03.1846,+ 15.07.1935)

9. Großloge "Deutsche Bruderkette", Leipzig (GLDBK) ca. 1.851 Mitglieder, 10 Logen, 5 Kränzchen (G.: 16.11.1904, N.: Deutsch-Christlicher Orden 30.01.1933, + 20.07.1935)

 

Irreguläre Großlogen

10. Freimaurerbund zur aufgehenden Sonne, Nürnberg, ab 1925 Hamburg (F.z.a.S.) ca. 1.400 Mitglieder, 44 Logen ( G.: 1905, I.: 27.07.1907 Ffm, + Frühjahr 1933, danach Exil in Prag

11. Symbolische Großloge von Deutschland, Hamburg (SGL) ca. 1000 Mitglieder, 29 Logen, davon 2 in Palästina (I.: 27.07.1930, r.: 27.03.1933, danach Exil in Palästina)